Die Hofkirche der Residenz Würzburg
Bau- und Kunstgeschichte
Die Hofkirche der Residenz Würzburg wurde unter Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn (reg. 1729-1746) in den Jahren 1732/33 im Rohbau errichtet. Verantwortlicher Architekt war, wie für den gesamten Residenzbau, Balthasar Neumann. Er koordinierte auch den Stab der Künstler und Handwerker, die an der Ausstattung des Kirchenraums mitarbeiteten. Nach weitgehender Fertigstellung der überaus reichen Innendekoration wurde die Kirche am 15. September 1743 der Allerheiligsten Dreifaltigkeit geweiht.
Planung und Lage
Die Hofkirche im Südwesteck der Residenz Würzburg tritt nach außen nur durch ihr relativ kleines, über einige Stufen erreichbares Portal in Erscheinung, das zurückhaltenden Skulpturenschmuck trägt. Auch einen Turm gibt es nicht, die unverzichtbaren Kirchenglocken sind fast versteckt in einem Dachreiter auf dem Quertrakt zwischen den beiden Innenhöfen des Südblocks untergebracht. Die beiden Außenwände der Kirche, die dreiachsige Eingangsfassade zum Residenzplatz und die sich über acht Fensterachsen bis zum Beginn des Südovals erstreckende Längsseite zum Hofgarten, ordnen sich im Übrigen völlig dem vierstöckigen Fassadensystem der Residenz unter.
Die Lage der Hofkirche war im Laufe der Residenzplanungen durch die verschiedenen beteiligten Architekten an ganz unterschiedlichen Stellen des 1720 begonnenen Baukomplexes vorgesehen worden, zunächst jedoch immer in dessen Nordteil: Balthasar Neumann hatte sie zuerst als einfachen Rechteckraum im genau gegenüberliegenden Nordosteck lokalisiert, Maximilian von Welsch dann als Zentralraum in dem Oval in der Mitte der Nordflanke, Robert de Cotte setzte sie ins Zentrum des Baus an die Stelle des heutigen Treppenhauses, einem südlichen Treppenhaus gegenüberliegend, und Germain Boffrand verlegte sie wieder zurück ins Nordoval, erweitert um einen Chor im Quertrakt zwischen den Höfen des Nordblocks. An diese Planung erinnern die außen im Hauptgeschoss dieses Quertraktes (heute Fürstensaal) noch sichtbaren, ursprünglich bogenförmigen Fenster, die schon damals angefertigt wurden. Der Bau des Nordovals wurde dann jedoch insgesamt zurückgestellt und die Hofkirche schließlich nach neuen Plänen Balthasar Neumanns aus dem Jahr 1732 im Südwesteck der Residenz errichtet.

Hofkirche der Residenz Würzburg, Blick nach Osten zum Altar
Innenarchitektur
Es ist für jeden Besucher überraschend, dass sich hinter den ganz geradlinig geführten Außenwänden der Hofkirche ein Innenraum verbirgt, dessen sämtliche Wände Kurven beschreiben. Durch die komplizierte architektonische Struktur, mehr noch durch den reichen architektonischen und plastischen Ornat, erschließt sich die Raumgliederung jedoch nicht auf den ersten Blick, obwohl der relativ kleine Raum schon nach wenigen Schritten fast komplett überschaubar ist (lichte Länge 34,95m, Breite 13,35m, Höhe 18,75m). Im Grundriss wie im Gewölbe hat Balthasar Neumann der eigentlich längsrechteckigen Grundfläche hintereinander drei einander berührende Ovale einbeschrieben: zwei kleinere, quer liegende Ovalrotunden, die den Eingangs- bzw. Chorbereich umfassen, dazwischen eine größere, längs gerichtete, in der die beiden Seitenaltäre stehen. Am leichtesten ablesbar ist diese Struktur in der Gewölbezone, wo zwei kleinere Ovalkuppeln über der Empore und dem Hauptaltar die größere Mittelkuppel rahmen. Die Kuppeln sind zueinander weit geöffnet, sozusagen bogenförmig aufgeschnitten, wodurch sich die Scheitel ihrer breiten Gurtbögen berühren. Die zwischen den Ovalrotunden verbleibenden Zwickelräume sind durch konkav geschwungene Wandflächen, die jeweils eine Fensterachse umfassen, sowie durch dreieckige Gewölbekappen geschlossen.

Schematischer Grundriss mit Markierung der Emporen und der drei Ovalkuppeln
Den Aufriss der Kirche bestimmt die markante Zweiteilung durch das breite horizontale Band einer in Stuckmarmor ausgeführten Gebälkzone, die von insgesamt 22 unkannelierten Stuckmarmorsäulen mit vergoldeten Kompositkapitellen getragen wird. 16 dieser Säulen stehen direkt vor den Wandpfeilern oder sind als Dreiviertelsäulen mit diesen verwachsen. Über dem Hauptgesims tragen kurze Pilaster, die diese Säulen nach oben fortsetzen, die Füße der Kuppelwölbungen. Die reich mit Goldzierraten belegten Pilaster sind in sich nochmals zweigeteilt und nur in der unteren Hälfte kanneliert. Die übrigen, frei im Raum stehenden Säulen stützen die Musikempore im Eingangsjoch und die Altarempore im Chorjoch. Die Front beider Emporen löst sich mit dem Profil des großen Gebälks von der Wand ab und schwingt in den Raum. Während die konvex-konkav-konvex geführte Altarempore sich mit kleinerem Radius dem Choroval einschmiegt, ergänzt der durchgehend konkave Schwung der Musikempore die Kurvierung der anschließenden Zwickeltravéen zum halben Oval und bildet somit eine Sekundärform gegenüber der Grundriss- und Gewölbeform aus. Kontrapunktisch wirken auch die beiden Oratorien, die unmittelbar seitlich an die Altarempore anschließen. Sie sitzen zwar in den konkaven Zwickeltravéen, wölben sich aber mitsamt einem Teil des tragenden Gebälks in praller Konvexität in den Raum vor. Die ausgezeichneten Schnitzereien dieser hölzernen Oratorien stammen von Johann Adam Guthmann.

Vor der Musikempore treffen sich die Gurtbögen von West- und Mittelkuppel
Die ursprünglichen Entwürfe der Seitenaltäre gehen auf Lucas von Hildebrandt zurück, den von Fürstbischof Friedrich Carl hoch geschätzten Architekten des Wiener Kaiserhofs, dessen Planungen und Vorschläge Neumann teilweise mit zu integrieren hatte. In der Ausführung wirken beide Altäre schon wegen ihrer schieren Größe, aber auch aufgrund ihrer architektonischen Ausformung, kaum mehr wie zusätzliche Ausstattungselemente, sondern wie integrierte Bestandteile der Architektur. Mit ihrem schwarzen und gelben Marmor, den gedrehten achatfarbenen Marmorsäulen und dem reichen Skulpturenschmuck ziehen sie die Aufmerksamkeit auf sich, und die beiden großen Altarbilder von Giovanni Battista Tiepolo stellen zweifellos die höchstrangigen Kunstwerke der Kirche dar.
Die geschickte Aufteilung der Wände lässt völlig vergessen, dass die Zone unterhalb des Hauptgesimses von den gewöhnlichen Erd- und Zwischengeschossfenstern, die oberhalb von den gewöhnlichen Obergeschossfenstern der Residenzfassade belichtet wird. Die Stichkappen der Obergeschossfenster schneiden schon tief in die Kuppelwölbungen ein, so dass die Fenster des noch darüber liegenden Mezzaningeschosses im Inneren nicht mehr sichtbar sind; sie sitzen hier bereits im Dachgeschoss seitlich außerhalb der Kuppeln. Von den geraden Stürzen der Fenster (nur die Mezzaninfenster schließen segmentbogig) vermitteln jeweils kleine Leibungsgewölbe zu den Rundbogenöffnungen der inneren Raumschale. Zusätzlich sind die sehr tiefen Fenstergewände oft abenteuerlich schief verzogen, um die regelmäßige Fensterreihe der Außenfront mit den Bogenöffnungen der drei Ovalrotunden in Übereinstimmung zu bringen. Dadurch, und durch die geschickte Lichtführung, fällt erstaunlich wenig ins Gewicht, dass der Raum nur von der Eingangsseite im Westen und von der Südseite rechts direktes Licht erhält. Durch die Einbettung in den Residenzbau bedingt, führen die Fenster, Türfenster und Oberlichter der linken Längswand und der Chorwand entweder auf vorgelagerte Gänge oder wurden gleich mit Spiegelglas geschlossen (teilweise später verändert).
Funktion
Die in der Architektur des Kirchenraums so deutlich betonte Zweigeschossigkeit hat ihre Ursache in der Funktion als Hofkirche: Abgesondert vom Hofstaat konnten die Fürstbischöfe die Messe von der mit dem großen Wappen des Bauherrn, Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn, geschmückten Westempore aus verfolgen, oder von dem verglasten und im Bedarfsfalle beheizbaren Nordoratorium aus – beide waren bequem und ohne Treppenbenutzung direkt von den fürstbischöflichen Wohnräumen, nebenan im Hauptgeschoss der Residenz, erreichbar. Da die Hofkirche keine Pfarrkirche war, gab es anfangs auch keine Kanzel, Beichtstühle fehlen bis heute. Zelebrierte der Bischof selbst die Messe, so konnte er dies am Emporenaltar tun, oder am Hauptaltar im Erdgeschoss, wo ihm auf dem einstufigen Podest unterhalb des Nordoratoriums ebenfalls ein erhöhter Sitz zur Verfügung stand.
Altäre
Die aufs Engste mit der Architektur verbundene Ausstattung der Kirche entstand zum größten Teil als Gemeinschaftsleistung der Würzburger Hofkünstler. Der vor der Kolonnade der Chorsäulen stehende Altartisch wird flankiert von Marmorskulpturen des Frankenapostels Kilian und des ersten Würzburger Bischofs Burkhard. Wie auch die vier Assistenzfiguren der Seitenaltäre, wurden diese Skulpturen nach Entwürfen des Johann Wolfgang van der Auwera von italienischen Bildhauern in Carrara angefertigt und 1743 geliefert. Der Stuckateur Antonio Bossi stellte Christus am Kreuz mit der hl. Magdalena und Putten zu Füßen als vollplastische Stuckfiguren dar, die vor blauem Hintergrund die Stirnwand des Chores zwischen den zentralen Säulen einnehmen. Oberhalb der Empore setzt ein weiterer Altar diese Inszenierung fort. Die dort ebenfalls in einer blauen Nische stehende Skulptur der Maria Immaculata und die vergoldete Baldachingloriole darüber mit der Darstellung der Trinität und assistierenden Engeln sowie Putten sind ebenfalls Stuckarbeiten Antonio Bossis. Aus demselben Material schufen er und seine Werkstatt auch die Tugendallegorien in den Aufsätzen der Seitenaltäre wie überhaupt den unglaublich reichen Stuckzierrat der gesamten Kirche.

Links: A. Bossi: Hl. Magdalena, rechts: A. Bossi: Emporenaltar
Die ursprünglichen Gemälde der Seitenaltäre wurden um 1736 von Federico Bencovich angefertigt, sie gelten heute als verschollen. Denn schon 1752 waren sie durch Altarblätter ersetzt worden, die Giovanni Battista Tiepolo während der Winterpause im Januar und Februar gemalt hatte, als es für die Freskomalerei im Kaisersaal, genauer für die Aufbringung des Putzgrundes, zu kalt war. Der „Höllensturz der Engel“ und die „Himmelfahrt Mariens“, je 5,70m hoch und 2,50m breit, sind ungeheuer kraftvolle Kompositionen, in denen die ganze koloristische und inszenatorische Genialität des Venezianers aufscheint. Umrahmt werden beide Seitenaltäre von Marmorskulpturen aus Carrara nach Entwürfen Auweras, der linke von den Erzengeln Gabriel mit Lilie und Raphael mit dem Tobiasknaben, der rechte von dem heiliggesprochenen Kaiser Heinrich II., dem Gründer des Bistums Bamberg, und seiner Gemahlin, der heiligen Kunigunde.

Links: G.B. Tiepolo: Himmelfahrt Mariens, rechts: Erzengel Raphael mit dem Tobiasknaben
Deckengemälde
Die Deckengemälde – es handelt sich nicht um echte Fresken, sondern um Secco-Malereien – schuf der schon 75-jährige Hofmaler Rudolph Byss 1735/36 zusammen mit seinen Schülern Anton Joseph Högler und Johann Thalhofer. Über dem Hauptaltar ist das „Martyrium der Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan“ dargestellt, in der Mittelkuppel die „Krönung Mariens“, in den anschließenden Zwickelwölbungen die vier Evangelisten und über der Musikempore der „Triumph des Erzengels Michael beim Engelsturz“. Da 1945, bei der Bombardierung Würzburgs im Zweiten Weltkrieg, zwar die Kirchengewölbe standhielten, aber das Dach darüber abbrannte, schädigte in der Folgezeit eindringende Feuchtigkeit die bereits verschwärzten Deckengemälde wie auch den Stuck schwer. Bis 1963 wurden Instandsetzungsarbeiten durchgeführt, bei denen der Kunstmaler Karl Körner die Deckengemälde großenteils rekonstruierte oder rekonstruierend übermalte.
Sonstige Ausstattung
Das Kirchengestühl wurde zwischen 1744 und 1751 von Ferdinand Hund angefertigt. Die geschnitzten Zierrate der eichenen Portalflügel stammen von Paul Egell, die kunstvollen Beschläge und Schlösser vom Hofschlosser Johann Georg Oegg. Wie schon erwähnt, ist die Kanzel erst später, 1774/75 unter Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim, eingebaut worden. Doch passt sich dieses Werk des Materno Bossi, eines Neffen des Antonio, der sonst frühklassizistische Formen bevorzugte, mit seinem Relief- und Puttenschmuck unauffällig dem über 30 Jahre älteren Kirchenraum an.

M. Bossi: Putten auf dem Schalldeckel der Kanzel
Würdigung
Aufgrund des hohen künstlerischen Ranges ihrer Innenarchitektur und ihrer Dekoration gehört die Hofkirche der Residenz Würzburg zu den vollkommensten Sakralbauten des 18. Jahrhunderts in Deutschland. Mit dem aus drei Ovalrotunden zusammengesetzten kurvierten Grundriss und den ungewöhnlichen Gewölbeformen gelang Balthasar Neumann die An- und Ineinanderfügung der verschiedenen Raumkompartimente zu einem harmonischen, ungemein abwechslungsreichen Gesamtraum. Er trieb damit eine Entwicklung zur Verschmelzung von Raumkörpern voran, die im italienischen Hochbarock mit den Architekten Guarino Guarini und Francesco Borromini begann und von der Baumeisterfamilie Dientzenhofer nach Franken und Böhmen vermittelt wurde. Mit der Würzburger Hofkirche und seinen berühmten Spätwerken in Vierzehnheiligen und Neresheim reihte sich Neumann unter die großen Kirchenarchitekten des Barock ein.
Abgesehen von den Seitenaltären des Lucas von Hildebrandt mit den herausragenden Gemälden Tiepolos waren es vor allem Würzburger Hofkünstler, namentlich der Bildhauer Johann Wolfgang van der Auwera, der Maler Rudolph Byss und der Stuckateur Antonio Bossi, die unter der koordinierenden Planung und Leitung Neumanns die qualitätvolle Ausstattung schufen. Besonders der Anteil Bossis an der überwältigenden Raumwirkung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er fertigte mit seiner Werkstatt nicht nur die unzähligen vergoldeten Stuckornamente und –reliefs an, die sämtliche weißen Grundflächen schmücken, sondern auch sämtliche vollplastischen Figuren und Büsten aus weißem Glanzstuck sowie die vergoldeten Stuckkapitelle und den farbenprächtigen Stuckmarmor, der Säulen, Gebälke und Architekturgliederungen überzieht.
Text: Werner Helmberger

A. Bossi: Stuckfiguren im Aufsatz des linken Seitenaltars
Weiterführende Literatur: Jarl Kremeier: Die Hofkirche der Würzburger Residenz, Worms 1999.