Freilegungen in der Westkuppel

Unter den Überfassungen von 1960 liegen Reste der Malerei von 1736

18.01.2012 

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Wie bereits in einigen „Aktuell-Beiträgen“ (z.B. 03. März 2010) gezeigt, kam es nach 1945 durch Umwandlungsprozesse von Pigmenten und Bindemitteln sowie durch Überfassungen im Zuge der Großrestaurierung um 1960 zu Verunstaltungen der Malerei. Eine fotographische Aufnahme von 1945 (Abb.1) belegt, dass nach dem 2. Weltkrieg noch große Bereiche des „Engelsturzes“ in der Westkuppel erhalten waren. Dreizehn Jahre später (1958), also zu Beginn der Restaurierungsarbeiten in der Hofkirche, sah die Kuppel jedoch anders aus. Infolge eingedrungener Feuchtigkeit waren nur noch Reste im zentralen Gewölbebereich erhalten.

Abb.1: Westkuppel, "Engelsturz" von Rudolph Byss, Anton Joseph Högler und Johann Thalhofer, um 1736, Zustand 1945

Die 2007 einsetzenden Voruntersuchungen legten eine rein konservatorische Behandlung des Deckengemäldes nahe zumal der Restaurator und Kunstmalers Karl Körner die Situation vor etwa 50 Jahren wie folgt beschrieben hatte:
„Die pastose, aber völlig pulverisierte Malschicht lag über einer dünnen, aquarellartigen Untermalung und war offensichtlich ohne Bindemittel al secco gemalt. Eine spätere Untersuchung durch das Materialprüfungsamt der Technischen Hochschule München bestätigte diese Annahme. Das Fehlen jeglicher Bindekraft war demnach ursprünglich und nicht auf die spätere Wassereinwirkung zurückzuführen. Die Verrußung war an der Decke noch stärker als an anderen Stellen. Aus dem fetthaltigen Niederschlag zu schließen, musste als Ursache der Rußbildung im Wesentlichen die Rauchentwicklung bei früherer Kerzenbeleuchtung angenommen werden. Eine Reinigung konnte daher an diesen Stellen nur in beschränktem Maße und ohne methodische Durchführung erreicht werden. Unter anderem wurde der Umstand ausgenützt, wonach mineralische Bindemittel – Bariumhydrat, Silikatverbindungen – wohl mit den wiederum  mineralischen Farbkörpern, nicht aber mit den fetthaltigen Rußteilchen, Bindungen eingehen. Auf diese Weise gelang es, die Farbschicht an manchen Stellen zu fixieren und anschließend zu reinigen.“ („Zur Instandsetzung der Würzburger Hofkirche“, in: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 1962).

An Stellen totaler Malschichtverluste rekonstruierte Körner das Gemälde anhand vorhandener Reste und Vorkriegsfotos, die jedoch nicht besonders qualitätvoll gewesen sein dürften. Etliche Details, etwa das Schert des Erzengels Michael oder der obere Flügel eines Teufels waren dem Kunstmaler offenbar entgangen. Zudem erhielten die lichten Partien des Himmels (ähnlich der Mittelkuppel) eine eher düstere Grundstimmung. 

Abb.2: Beseitigung der dunklen Übermalung von 1960 und Freilegung erhaltener Malerei des 18. Jahrhunderts mittels Mikrostrahlverfahren

Im Zuge der aktuellen Restaurierung wurden die relativ dunklen Neu- bzw. Überfassungen Karl Körners nochmals untersucht und Festigungsvarianten abplatzender Farbschollen erwogen. Dabei stellt sich heraus, dass unter der Oberfläche der Himmelsdarstellung partiell völlig intakte Partien des Originals liegen, die in ihrer hellen und zarten Tönung problemlos mittels speziellem Mikrostahlverfahren freizulegen sind (Abb.2). Der Professionalität und dem großen Geschick der beauftragten Restauratoren ist es zu danken, dass mit einer zunächst kaum für möglich gehaltenen Beseitigung der Überfassung von 1960 ein bedeutendes Kunstwerk des 18. Jahrhunderts teilweise zurück gewonnen werden kann. Selbstverständlich sind damit die 1958 vorhandenen Fehlstellen nicht gemeint. Hier muss die Rekonstruktionsfassung Körners weiterhin akzeptiert werden. Auch verbleiben (vorerst) besonders hartnäckige Flecke im hellen Gewölbebereich, die vermutlich Reste einer früheren (möglicherweise im 19. Jahrhundert erfolgten) Maßnahme zur „malerischen Dämpfung“ des ursprünglichen Kolorits sind. Demnächst werden wir versuchen, diese (noch) störenden „Inseln“ mittels Laser zu entfernen oder in geeigneter Weise zu retuschieren.
 

Abb.3: Die dünne Kruste fixierter Russpartikel ist resistent gegen Lösungsmittel, kann aber durch ein „Überhauchen“ mit dem Mikrostrahl beseitigt werden

Die Bereiche, in denen die Byss’sche Gewölbemalerei relativ gut erhalten geblieben war, hatte Karl Körner meist nicht übermalt, sondern nur gefestigt (vgl. Zitat oben). Sie stellten sich allerdings als vergraute oder dunkle Partien dar, denen man die ursprüngliche künstlerische Qualität und Feinheit der Malerei nicht mehr ansehen konnte. Eine hauchdünne aufliegende Kruste stört die Aussage der Figuren und damit auch die Gesamtkomposition empfindlich. Im Zusammenhang mit dem Abstrahlen der oben erwähnten Überfassung von 1960 (Abb.2) wurden Feinstrahlproben zur Reduzierung der Kruste vorgenommen. Die Ergebnisse sind sehr vielversprechend (Abb.3) und werden nun in Bereichen der Inkarnate fortgesetzt. Selbstverständlich bedeutet die Umsetzung dieser Methoden zur weiterführenden Reinigung der Gewölbemalerei einen (in der Planungsphase nicht erkannten) Mehraufwand. Doch der optische Gewinn für die Hofkirche ist erheblich und rechtfertigt den Mehraufwand zur Freilegung der erhaltenen Fassung des 18. Jahrhunderts.