Schattenfassungen der Gewölbemalerei
Die Schatten waren 1960 weitgehend neu gemalt worden; sie weichen in ihrer Form, Intensität und Tönung mitunter vom Original ab.

Abb.1: Rechtes Bein des Engels im südöstlichen Zwickel der Mittelkuppel. Die starken Versalzungen und Schäden oberhalb des Ringprofils entstanden durch Eindringen von Niederschagswasser aus dem Dachraum.
Zu den 1735/36 durch Rudolph Byss geschaffenen Deckengemälden gehören auch die Darstellungen der vier Engel in den Zwickelfeldern unterhalb der Mittelkuppel. Die erheblichen Feuchtigkeits- bzw. Salzschäden und Verluste wurden im Rahmen einer großen Restaurierung um 1960 optisch beseitigt. Während der letzten fünf Jahrzehnte haben sich erneut Schäden eingestellt, wie an dem Bildausschnitt des Südostzwickels (Abb.1) sichtbar ist. Sie werden im kommenden Jahr restauratorisch behandelt.
An dieser Stelle soll es jedoch weniger um die notwendigen Restaurierungsmaßnahmen als mehr um die Schattenschläge der Engel gehen. Sie waren 1960 überstrichen und neu aufgemalt worden. Zur besseren Interpretation der Gemälde des 18. Jahrhunderts war eine Untersuchung der Originalfassung wünschenswert.

Abb.2: Engelsfüße im nordöstlichen Zwickel der Mittelkuppel mit partieller Freilegung der Schattenfassung des 18. Jahrhunderts durch Beseitigung der Übertünchungen.
Eine maßstäbliche Übertragung der auf Fotos (der Zeit vor 1945) sichtbaren Schattenkanten auf die Wandfläche (Abb.2, blaue Strichlinie) markierte ungefähr die Bereiche, in denen nach den Schatten der Erstfassung gesucht werden sollte. Durch vorsichtige Abnahme der Übertünchungen konnte die Malerei von Rudolf Byss partiell wieder freigelegt werden. Dabei wurde deutlich, dass die 1960 aufgemalten Schatten in ihrer Form, Intensität und Tönung vom Original abweichen.

Abb.3: Bildausschnitt von Abbildung 1. Bei den links erkennbaren Schatten (Fuß und Umhang) handelt es sich um Übermalungen von 1960, während der freigelegte Bereich in der rechten Bildhälfte der originalen Malerei von Rudolf Byss zuzuordnen ist.
Betrachten wir die südöstliche Zwickelmalerei (Abb.1 und 3) so sehen wir, dass das von links beleuchtete Bein eine deutliche Licht-Schatten-Modellierung aufweist. Zudem ist (nach der restauratorischen Freilegung) rechts neben dem Bein ein aufgemalter Schatten zu sehen. Hierbei handelt es sich um die Malerei aus dem 18. Jahrhundert. Links neben dem Bein sehen wir jedoch die 1960 gemalten Schatten vom Fuß und vom Umhang des Engels. Aber warum diese widersprüchliche Darstellung?
Der damals mit der Restaurierung beauftragte Kunstmaler Karl Körner sah, dass das gemalte Zentrum der Kuppelmalerei mit der Krönung der Maria durch Christus und Gottvater im hellen Himmelslicht rechts oberhalb der Engelsfigur liegt. Es war aus seiner Sicht sinnvoll, die Schatten entsprechend zu platzieren. Byss war die formale Korrektheit einer Lichtführung offenbar nicht so wichtig, ihm ging es um eine „kompositorische Ausgewogenheit“ des Engels und da passte ihm der Schatten auf der rechten Seite vermutlich besser. Ähnliche „unlogische“ Schattenfassungen finden wir übrigens auch an anderen Raumschalen der Residenz, etwa im Weißen Saal. Dort hat Antonio Bossi 1744 aus gestalterischen Gründen Schatten zur Betonung der Plastizität an der Licht zugewandten Fensterseite des Reliefs (Kopf des Mars) gemalt.
Wie sollen wir nun mit dieser „Verbesserung“ durch Karl Körner umgehen ? Die großen Fehlstellen besonders der West- und Mittelkuppel (unser Beispiel) verlangten 1960 eine weitgehende Neuschöpfung auf der Grundlage fotografischer Abbildungen der Vorkriegszeit. Der Bestand dieser Neufassung (unter der sich meist nur in den unteren Kuppelzonen die originale Malerei von Rudolf Byss fragmentarisch erhalten hat) ist zu akzeptieren. Wir haben weder die Mittel noch die zwingende Notwendigkeit, die Malerei Körners zu ersetzen oder zu verbessern. Sie ist ein Zeugnis des Wiederaufbaus und hat trotz ihrer Schwächen Denkmalwert. Damit ist klar, dass auch die verfälschend korrigierten Schattenfassungen erhalten bleiben. Die vorgenommenen Freilegungen sollten jedoch, soweit möglich, in der nun vorliegenden Form bestehen bleiben.